Niemand aus der Medienbranche muss auf dem Abstellgleis landen – es gibt ja ICE-Züge

Niemand aus der Medienbranche muss auf dem Abstellgleis landen – es gibt ja ICE-Züge

2010 habe ich mein Online-Journalismus Studium hier am Mediencampus begonnen. 2013 folgte dann das Medienentwicklung Master-Studium. Es sieht düster aus in diesem Land. Seit 2010 gab es viele negative Schlagzeilen aus der Medienwelt: Die Financial Times wurde geschlossen, die Nachrichtenagentur dapd wurde abgewickelt, die Frankfurter Rundschau war insolvent, das ZDF muss hunderte Stellen abbauen, die F.A.Z. ebenfalls und das Darmstädter Echo wurde von einem Großverlag geschluckt.

Das sind jedoch nur einige sichtbare Veränderungen – weniger öffentlich wird: In der Branche werden festangestellte Mitarbeiter aus ihren Verträgen gemobbt, um Online-Portale rentabel zu machen. Andere Redaktionen trennen sich auf einen Schlag von allen freiberuflichen Mitarbeitern. Für junge Medienmacher bleibt die Zukunft unsicher.

Doch es geht noch weiter. Die Auflagen der Tageszeitungen gehen zurück. Die digitalen Werbekonzepte der Verlage tragen die Personalkosten nicht. Kurz: Die Infrastruktur ist marode.

So gesehen ist die deutsche Medienbranche ein Stück weit wie die Deutsche Bahn. Sie hat ein großes Potential, kann viele Menschen bewegen, aber sie hat in Teilen eine marode Infrastruktur und deshalb chronisch Verspätung.

Ein Investitionsprogramm soll das ja demnächst ändern – also, bei der Bahn. Und bei den Medien?

Das Problem ist: Die Nutzer merken längst, dass etwas im Argen liegt. Die marode Infrastruktur macht sich in der journalistischen Qualität bemerkbar. Die Bürger haben begriffen, dass beim Copy-and-Paste Journalismus etwas schief läuft.

44 Prozent der Bundesbürger glauben, dass Redaktionen gezielt die Unwahrheit verbreiten

Die Strukturen bröckeln und die Glaubwürdigkeit der Medien leidet. Am Mittwoch veröffentlichte der „stern“ das Ergebnis einer repräsentativen Forsa-Umfrage. 44 Prozent der Bundesbürger halten demnach die hiesigen Medien für von oben gesteuert. Sie  sind der Meinung, dass die Redaktionen gezielt die Unwahrheit verbreiten. Das ist ein Armutszeugnis für die deutschen Medien. Wenn in Redaktionen diskutiert wird, ob man die andere Seite überhaupt zu Wort kommen lassen soll, rast die Branche mit Volldampf gegen die Wand.

Zeitungen - totes Medium oder neue Chance?
Totes Medium oder neue Chance?

Es wird Zeit, dass die Verlage und Rundfunkanstalten sich selbst reformieren – hin zu mehr Qualität. Ich kenne genug Kollegen, die jetzt fragen: Glaubst du an Wunder? Nein, das Beharrungsvermögen in der Branche ist wahrlich hoch. Aber wir jungen Medienmacher können das schaffen. Und zwar alle: Egal, ob wir Online-Journalismus, Medienentwicklung, Digital Media oder Informationswissenschaften studiert haben.

Noch bewegt die Medienbranche viele Menschen. Also: Lasst euch die Lust am Umkrempeln nicht nehmen. Sorgt dafür, dass die deutsche Medienbranche nicht mehr chronisch Verspätung hat, was Innovationen angeht. Holt sie runter vom Abstellgleis. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass Innovationen nicht mehr nur von US-Firmen kommen.

Die deutsche Medienbranche kopiert derweil lieber Buzzfeed und Co. und versucht junge Leser mit Angeboten wie Bento, ze.tt oder Byou zu erreichen. Oh my God – so fancy. Dass die zehn coolsten Kopien von Buzzfeed den Journalismus aber nicht retten werden, wird die meisten Medienmanager schockieren. Sauber recherchierter, unabhängiger Journalismus kann das aber schon.

Während des Bento-Shitstorms hatte ich mir erlaubt, das neue Ding vom Spiegel als Kopie zu kritisieren. Öffentlich. Auf Twitter. Als Antwort bekam ich – wie auch viele andere – von den Machern eine Direct Message. Ich solle doch mal erklären, warum ich denke, Bento mache Buzzfeed nach. Vorher solle ich mir aber doch bitte überhaupt erstmal zehn Artikel ansehen. Ups, da bin ich wohl jemandem auf den Hoodie getreten.

Ja. Wir können es schaffen. Wir alle tragen das Wissen, das Können in uns.

Mut, ein Traum und ein fester Glaube an das eigene Können, sorgen für echte Neuheiten. Der Online-Journalismus Absolvent Daniel Höly hat genau das erreicht. Im September erschien zum zweiten Mal das Magazin „Shift“. In ganz Deutschland. Am Bahnhofskiosk. Auf Papier. Dieses Mal ohne Crowdfounding-Kampagne und ohne finanzstarken Verlag an Bord. Auch die von Mediencampus-Absolventen gegründete Agentur „Quäntchen und Glück“ ist zu einer Erfolgsgeschichte geworden.

Wir können es also schaffen. Wir alle tragen das Wissen, das Können in uns. Dabei sollten wir uns auch nicht von Hindernissen aufhalten lassen.

Die Ausbildung im Bachelor Online-Journalismus, aber auch im Masterstudiengang Medienentwicklung bietet riesige Chancen. Allerdings muss ich eingestehen: Der Studiengangstitel „Medienentwicklung“ ist in Bewerbungsgesprächen erklärungsbedürftig – ja, eher ein Hindernis. Das gilt auch für das Image eines Studiums als Ausbildung für die Branche.

Ganz anders sieht es mit den Inhalten des Studiengangs aus. Die Verbreitung der mobilen Endgeräte nimmt weiterhin zu. Die Branche beginnt, nach Ideen für diese Geräte zu lechzen. Bisher ist Mobile ja nur ein weiterer Ausspielweg. Der Zeitungsinhalt wurde um die Jahrtausendwende eins zu eins ins Netz gestellt, zehn Jahre später wird er eins zu eins einfach in Apps gepresst. Der Markt beginnt sich hier jedoch für Neues, zu öffnen.

Viele Angebote ignorieren allerdings weiterhin Prinzipien wie Responsive Design oder verzichten gar auf eine Usability-Optimierung. Hier können wir ansetzen.

Und der Bento-Shitstorm hätte sich durch einen Medienentwickler vermeiden lassen. Die Macher von NEON wussten schon vor zehn Jahren: Es „gibt […] keinen Jargon der 20- bis 35-Jährigen“. Es ist nicht erwünscht, dass Artikel so geschrieben sind, wie junge Leute reden. Ein Ergebnis, das bereits Anfang der 1990er Jahre von der Medienforschung bestätigt wurde. Der Fehler wird aber noch immer gemacht.

Also: Ja, manchmal habe ich das Gefühl, auf einer Dampflok durch einen dunklen Tunnel zu tuckeln und am Rauch zu ersticken. Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels. Denn: Was bringt die Zukunft? Uns. Und wenn ich eins sagen kann aus meiner bisherigen Erfahrung im Berufsleben: Wir wurden am Mediencampus der Hochschule Darmstadt sehr gut auf die Zukunft vorbereitet. Wir können nicht nur – wir sollten es wagen, selbst etwas anzupacken.

Master of Arts Medienentwicklung
 Der Masterstudiengang Medienentwicklung wird an der Hochschule Darmstadt seit dem Wintersemester 2012/2013 als Master of Arts angeboten. Das viersemestrige Masterprogramm qualifiziert die Absolventen speziell für Beratungs- und Führungspositionen in den Medien sowie für Tätigkeiten in der Medienforschung und Medienentwicklung (Journalismus und PR). Ziel des Studiengangs ist es, die Absolventen dazu zu bringen, den Medienwandel bewusst wahrzunehmen und aktiv zu gestalten. Dabei stehen Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Zentrum des Studiums. Über innovative Medienformate wird nicht nur diskutiert – sie werden auch konzipiert.