Warum Hass, Hetze und Fake News funktionieren

Warum Hass, Hetze und Fake News funktionieren

Fake News. Das ist ein gefährlicher Begriff, denn unweigerlich setzt er sich in den Köpfen der Menschen fest. Die Gefahr: News werden irgendwann nur noch gemeinsam mit dem Begriff Fake in einer Verbindung gedacht. Dennoch verbreiten sich gefälschte Nachrichtenmeldungen zunehmend über digitale Plattformen. Warum funktioniert dieses Konzept? Warum funktionieren Lügen, Hass und Hetze im Web? Die Sozialpsychologin und Autorin Catarina Katzer lieferte beim Frankfurter Tag des Online-Journalismus 2017 den psychologischen Aspekt zur Debatte.

Digitales Verhalten verändert unsere Wahrnehmung

Wenn wir uns selbst beobachten und ehrlich Bilanz ziehen, dann zücken wir meist häufiger als acht Mal pro Tag das Smartphone, um up-to-date zu bleiben. „Meinungsbildung, unter anderem die politische Meinungsbildung, findet immer mehr im virtuellen Raum statt“, berichtet Catarina Katzer vom Institut für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln. Doch es gibt ein Problem.

Katzer zitiert dazu beim „Frankfurter Tag des Online-Journalismus“ eine US-Studie: Die Stanford University in den USA habe Ende 2016 herausgefunden, dass über 80 Prozent der amerikanischen Jugendlichen im Netz nicht mehr zwischen Native Advertising (gekennzeichnet mit dem Schriftzug „Sponsored Content“) und echten journalistischen Inhalten unterscheiden können.

Ähnlich verhalte es sich mit Fake News, sagt Katzer. Sie führt das darauf zurück, dass unser digitales Verhalten unsere Wahrnehmung verändere. Unsere Fehleranfälligkeit steige, unsere Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit sinke dagegen – und wir würden immer anfälliger für Ablenkungseffekte. Kurz: Es gebe eine digitale kognitive Überlastung. Um dem zu entkommen, seien wir auf der Suche nach neuen Wahrnehmungsstrategien, zum Beispiel kurze Tweets. „Wir gewöhnen uns an kleine Häppchen“, sagt Katzer. Und durch die komme es zu einer Oberflächlichkeit.

Einstieg in die Manipulation unserer Meinungsbildung

Katzer macht in ihrer Präsentation beim FTOJ 2017 deutlich, dass dies der Einstieg in die Manipulation unserer Meinungsbildung durch Fake News ist. Unser Smart Brain greife auf bekannte kognitive Strukturen zurück. „Allein das Gefühl, ich weiß viel über den Meinungsgeber, macht die Quelle glaubwürdiger“, sagt Katzer.

Glaubwürdigkeit? Das fange schon bei einfachen Dingen an: dem Image und der Persönlichkeit des Meinungsgebers beispielsweise. Sind auf einem privaten Profil eines Twitter-Nutzers Fotos von ihm vorhanden? Gibt es weitere Informationen? Erfahrungen? Wirkt der Meinungsgeber kompetent, sprachgewandt? Aber Vorsicht: Fotos können gestohlen sein, Biographien ebenfalls.

Flaggen des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main
FTOJ 2017 beim hr | Foto: Martin Krauß

Doch es gibt laut Katzer noch mehr, das uns auf Fake News hereinfallen lässt: Begegnet uns beispielsweise etwas häufiger, dann entsteht eine Vertrautheit. Die Nähe sorgt für eine positive Einstellung – und klicken dann noch viele Menschen auf „Gefällt mir“ oder teilen die Fake News, dann entstehe das Gefühl: „So viele Menschen – die können sich doch gar nicht irren.“ Wie viele Follower, Likes hat der Meinungsgeber? Gibt es viele Kommentare dazu? Das verführe uns.

Als Mediennutzer habe sich eine kognitive „Dissonanz-Vermeidung“ eingestellt. Es sei die Bequemlichkeit, die uns auf Fake News hereinfallen lasse. Wenn die gefälschte Meldung dann noch auf einer Webseite angeboten werde, die einer echten Nachrichtenseite sehr ähnlich sei, entstehe der Gedanke: Ja, das wird schon echt sein. Katzer warnt: „Wir alle sind manipulierbar, deshalb sollten wir mit offenen Augen durchs Netz gehen.“

Hass wird leicht – Bewusstsein und Gewissen treten zurück

Warum aber ist Hass so leicht in den sozialen Netzwerken? „Es werden nicht mehr nur Menschen Opfer, es werden auch immer mehr Unternehmen Opfer eines Shitstorms“, berichtet die Sozialpsychologin in Frankfurt. Hass sei so leicht geworden, weil die Interaktion im Digitalen zu einer „Entkörperlichung“ führe. Die physische und die emotionale Distanz zu den Opfern machen laut Katzer den Unterschied aus. Es entstehe das Gefühl: „Ich bin ja gar nicht in der Situation dabei.“ Und auch der Eindruck: „Ich sehe mich nicht als Täter.“

De-Individuation sei online viel leichter. „Für die einzelne Person ist es einfacher in der Masse unterzutauchen“, sagt Katzer und ergänzt: „Bewusstsein und Gewissen treten hier zurück.“ Eine große Rolle spiele, dass wir in sozialen Netzwerken Teil einer Gruppe werden „und das führt dazu, dass wir die Verantwortung der Gruppe zuschieben.“

13. Frankfurter Tag des Online-Journalismus
Einmal pro Jahr laden der Hessische Rundfunk, der Medienbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, evangelisch.de und epd medien in Frankfurt am Main zu einer Tagung über aktuelle Entwicklungen im Online-Journalismus. Am 25. April 2017 gab es den Frankfurter Tag des Online-Journalismus zum 13. mal. Das diesjährige Thema lautete: „Wahr ist was gefällt? – Journalismus in der Glaubwürdigkeitskrise“.

Die Kommunikation über das Internet, über digitale Wege, senke den Aufwand, den wir betreiben müssen, berichtet die Sozialpsychologin. Es sei einfach, schneller in Gruppen einzutauchen. Dort komme es zu neuen Regeln. „Hier kann die Norm entstehen, dass Aversion und Hass salonfähig sind“, sagt Katzer. Das könne dann auch dazu führen, dass realer Hass wachse. Bereits heute zeichne sich ab, dass ein Austausch von Argumenten, eine Diskussion, nicht mehr stattfinde.

Was können wir gegen Hass, Hetze, Lügen und Fake News tun?

Wie kann man diesen Entwicklungen entgegensteuern? „Wir müssen mehr Dissonanzen wieder zulassen“, mehr Gegensätze akzeptieren, sagt Katzer. Wichtig sei, ein digitales Bewusstsein zu schaffen, den Leuten klar zu machen: Wir sind manipulierbar.

Die kognitive Überlastung, die uns für Manipulationen anfälliger mache, müsse den Leuten bewusst gemacht werden. „Wir brauchen eine neue Kritikfähigkeit“, fordert die Psychologin. Je mehr Empathie wir empfinden, desto moralischer handeln wir Menschen. Deshalb solle nicht nur über Medienethik gesprochen werden. „Wir brauchen menschliche Stoppschilder“, sagt Katzer.

Der hr hat den Vortrag von Catarina Katzer auf YouTube veröffentlicht:

Außerdem mahnt Katzer an: „Wenn wir von Digitalisierung sprechen, dann sprechen wir meist von Industrie 4.0 und nicht von digitaler Bildung.“ Es brauche daher etwa eine gesellschaftspolitische Diskussion darüber, wie frühkindliche Bildung – im Hinblick auf den Umgang mit digitalen Medien und dem Internet – aussehen solle.


Hinweis
Der hier veröffentlichte Blogpost über die Session aus dem Frankfurter Tag des Online-Journalismus vom 25. April erhebt explizit keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich gebe hier die jeweils aus meiner Sicht interessanten, spannenden, diskussionswürdigen Aussagen und Informationen wieder. Ich kommentiere sie auch. Wer die vollständigen Vorträge, Diskussionen oder Keynotes der Tagung verfolgen möchte, kann dies auf der Facebook-Seite des FTOJ tun: als Video in voller Länge.

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